Archiv für August 2009

Mayer zufrieden

Samstag Morgen beim Bäcker. Die Warteschlange ist lang, der Mayer sinniert so halb abwesend seinen lustig-skurrilen Träumen der letzten Nacht hinterher und der Kaufvorgang läuft so irgendwie nebenbei und vollautomatisch ab. Mayer verlässt das Geschäft, hält – ganz Gentleman – einer vielleicht 8-jährigen, kleinen Lady die Türe auf, tritt ins Freie und sieht sich plötzlich mit einer gelben Rose vor seiner Visage konfrontiert, die von einer Hand an einem affenartig behaarten Unterarm gehalten wird. Mayer greift nach der Rose, erkennt dass sich unten am Stil ein quadratisches Schildchen befindet. “FDP” steht da drauf. Der Mayer drückt der Hand an dem affenartig behaarten Unterarm die Rose wieder rein und sagt ohne aufzuschauen: “Von Eich nehm’ i nix!” Mayer frohlockt innerlich und ist mit sich, der Welt und diesem Tag zufrieden.

Bat out of hell

Im Jahr 1977 war’s, da ist dieses legendäre Abum von Meat Loaf erschienen. Spätestens 1978 hat der – unlängst in diesem Blog erwähnte – Karli den Titelsong für sich entdeckt. Immer wenn er den mindestens ebenso legendären “Hof” betrat und damit den quartalssaufenden Vater, seine vier Schwestern und seine Mum hinter sich lies, dann war es wie ein Synonym für Freiheit, eine Befreiungsslogan nach Finsternis und Kerker, whatever you can imagine, wenn der Karli in unglaublich dreckigem Englisch und mit Urgewalt in der Stimme gesegnet ein paar Mal hintereinander ” Uuuuuh, I’m bat outta hell” schmetterte.

Unvergesslich… Schade, dass er Chemielaborant wurde, ich glaube, der hätte mit ein wenig Gesangsausbildung auch Schwermetall-Legende werden können ;-)

Alphamann

Ich bin ein Alphamann! Das wurde mir heute erneut klar vor Augen geführt, als ich die Filiale meines Lieblingsbäckers betrat. Zeitgleich mit mir betrat ein Mann, etwa in meinem Alter, ebenfalls die Bäckerei. Er ging aber gleich wieder raus, wartete brav vor der Tür bis ich meinen Einkauf getätigt hatte und betrat erst dann wieder den Laden, als ich schon fast wieder bei meinem Wagen war. Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.

Außer vielleicht folgende Tagging-Empfehlungen: #midlifecrisis #;-)

Was zusammenpasst

Das kommt auch irgendwann zusammen!

Der Wagner schimpfte besonders viel zu dieser Zeit von seinem geranienbepflanzten Erdgeschossbalkon. Natürlich weil wir laut waren, tobten, Fussball auf dem Garagenvorplatz spielten, whatever… Weil wir mit der Band in einem Nebenraum der Tiefgarage übten, schlecht aber sehr laut waren, weil wir einfach fiese Kreaturen waren, wie er meinte.

Der Karli hatte am 1. September eine Lehre als Chemielaborant begonnen, zudem war er Linksaußen. In jeder Hinsicht. Das passte einfach, es musste geschehen, es konnte gar kein Weg daran vorbeigehen. Er brachte also was mit aus dem Labor. Ich hab vergessen was es war, aber es war gut. Eines Nachts schlichen wir uns vor den Wagnerschen Balkon und kippten das Zeug in seine Geranien. Wir wurden nicht erwischt und der Erfolg war bahnbrechend. Bereits am nächsten Tag nach der Schule schlenderte ich an besagter Stelle vorbei und musste mich schwer zusammenreissen, um nicht an Ort und Stelle vor Lachen zusammenzubrechen. Ein paar dürre, braune Stängel war alles, was von Wagners Geranienpracht übrig geblieben war.

Das Highlight war jedoch der spätere Nachmittag dieses Tages. Wir waren wieder zahlreich zum rumalbern, kicken und den dazugehörenden Nebentätigkeiten erschienen, als auch der Wagner den Balkon betrat und sich geschockt die Katastrophe betrachtete. Wir waren ohnehin schon in Stimmung. “Na, nix mit grünem Daumen Wagner, ha?” und ähnliche Äusserungen brachten den Guten an den Rand des Wahnsinns. Wüste Beschimpfungen stiess er aus, die uns aber nur immer noch mehr Freude bereiteten. Schliesslich ging er rein und lies auch gleich die Jalouisen runter. War ja auch wirklich kein schöner Anblick….

Nordwest Passage

Alles hatte er verloren. Sein Frau hatte ihn verstossen, ohne ihm zu sagen warum, wegen ihr und der gemeinsamen Zukunftsplanung hatte er seinen Managerposten aufgegeben und einen stinkfaden Beamtenposten angenommen, seine nicht unerheblichen Ersparnisse hatten sich wegen eben jener gemeinsamen Planung in Schulden verwandelt, seine Gesundheit, seine Seele machte bald darauf nicht mehr mit. Also war er ständig krank und das führte ihn in viel zu jungen Jahren in die Frührente. Insgesamt 21 Wochen verbrachte er während dieser Zeit in drei verschiedenen, psychosomatischen Kliniken und er musste erleben wie es ist, wenn man 21 Wochen lang keinen einzigen Besuch bekommt. Es arbeitete in ihm, er suchte nach Lösungen, nach eigenen Fehlern und Versäumnissen und er fand nicht viel.

Kein wirklicher Zufall, eher ein Moment spontaner Kraft war es, der ihn nach Berlin zu einer Veranstaltung rund ums Internet reisen lies, einfach so, weil es ihn interessierte und er irgendetwas Anderes sehen wollte.

Dort keimte in ihm etwas auf, was er zuvor 47 Jahre lang eher ausgeschlossen hatte. Er würde alles hinter sich lassen. Nicht nur innerlich versuchen die Geschehnisse zu bewältigen, sondern ein äußeres Zeichen setzen, ein Zeichen des Aufbruchs. Sich selbst wollte er den Willen und die Kraft der Hoffnung spüren lassen, die in so einem Aufbruch liegen kann, um noch wenigstens etwas versucht zu haben, bevor das schwarze Loch der Verzweiflung ihn endgültig verschlang.

So kam es, dass er von Berlin nicht zurück nach München, sondern weiter nach Oldenburg fuhr. Die Stadt kannte er oberflächlich, aber sie war ihm in bester Erinnerung, er hatte sich damals mächtig wohl dort gefühlt. Was ihn reizte war neben der schönen Stadt die Nähe zum Meer. Ein Leben in einem Kaff auf dem Lande konnte sich nicht vorstellen und Oldenburg lag mit 160.000 Bewohnern schon am unteren Rand seiner Skala.

Er spürte also auf alten und neuen Wege zwei bis drei Tage lang dem Stadtplan und seinen Empfindungen hinterher, dann stand sein Entschluß fest: Er würde hierher kommen und neu anfangen! Die Umsetzung des Vorhabens ging rasch, die Loslösung von seinem alten Leben dauerte weit länger und war teilweise mit neuen, schmerzhaften Erfahrungen und Einschnitten verbunden.

Aber das Leben belohnte ihn für seinen Mut. Eine neue, tiefe und innige Liebe gab ihm die Kraft, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Die Kraft in ihm wuchs und die Tage wurden heller.

Es war so ein heller Tag, einer wie aus dem Bilderbuch und sie waren auf eine der Inseln gefahren; der riesige Strand mit einem atemberaubend weiten Horizont lag vor ihnen. Sie waren schon auf dem Weg zurück zum Schiff, seine neue Liebe lief auf einem schmalen Weg über die Düne gerade ein paar Meter vor ihm, er sah hinauf zu einer einzelnen, dicken, weissen Wolke, die gemächlich im Himmel schwamm und Tränen liefen über seine Wangen. Freudentränen wie er sie zuletzt vielleicht einmal als Kind geweint hatte und er wusste er war frei.

Rettungsanker Haiti
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