Archiv für März 2009
Stromschlag
Gestern studierte ich die Unterlagen meines Stromversorgers EWE. Dabei fiel mir auf, dass ich keinem Schreiben die Berechnungsgrundlage für meine monatliche Abschlagszahlung entnehmen konnte. Zwar war der Kilowattpreis angegeben, jedoch nicht die kalkulierte Menge. Und 80 Euronen Abschlagszahlung sind eine Menge Holz fand ich. Also rief ich die Kundenhotline an. Nach dem Gefummel mit dem ach so praktischen Deppenroboter meldete sich tatsächlich eine leibhaftige Mitarbeiterin. Ich versuchte mein Anliegen zu schildern, wurde jedoch unterbrochen. Offensichtlich glaubte sie schon zu ahnen was ich wollte. Nachdem das aber schiefzugehen drohte, unterbrach ich sie auch. Besser gesagt, ich blieb im Anfangsstadium des Versuchs stecken, denn sogleich fuhr mich die Call Center Zombine an: “Unterbrechen Sie mich nicht! Können wir uns darauf einigen? Das ist unhöflich!” Die hätte man nie und nimmer in ein Kundencenter setzen dürfen. Als weibliche Panzerfaust in einem Inkassobüro für osteuropäische Leiharbeitsfirmen hätte sie vielleicht den richtigen Job gefunden, aber dort definitv nicht.
Ich hielt also meinen Mund und lies sie quatschen. Als sie offensichtlich leergequatscht war stellte ich erneut meine Frage über die Berechnungsgrundlage meiner Abschlagszahlungen. “Eine Zahl gibt es da nicht, das sind Erfahrungswerte, nach der ersten Jahresabrechnung passen wir das dann schon an Ihren Verbrauch an.” Bei 80 Euro, also 960 Euro im Jahr, hiese das nichts anderes, als der EWE einen zinslosen Kredit über etwa 600 Euro zu gewähren, denn ich denke mein Jahresverbrauch wird irgendwo zwischen 350 und 400 Euro liegen. “Können Sie etwas zu meinem Vertrag notieren?”, säuselte ich also samtweich in den Hörer. Nach der positiven Rückmeldung der Panzerfaust säuselte ich weiter: “Merken Sie doch schon mal meine Kündigung zum 30.06. vor” und legte auf.
Dank Verivox wusste ich bereits, dass ich bei einem anderen Anbieter genau mit meinem vermutlichen Verbrauch kalkuliert werde und auch der Preis der Kilowattstunde noch geringfügig günstiger ist. Die Kündigung ist bereits unterwegs
Lange vor Axl Rose
Der Hermann, merkwürdigerweise Sepp genannt, war ein Kumpan aus Mayers Kinder-und Jugendtagen. Sehr helle war er nicht und irgendwo hab’ ich auch schon mal erzählt wie er an einem heißen Sommertag eine leer stehende Bundeswehrkaserne angezündet hat. Aus Versehen natürlich. Jedenfalls sah der Hermann bzw. Sepp schon 1975 so aus wie Axl Rose 15 Jahre später. Lederjacke mit Nieten, insektoide Sonnenbrille, blond gefärbte Haare. Er stand massiv auf Suzie Quattro, sein Lachen klang wie das Gejammer eines hungrigen Brontosauriers er hatte einen Ghettoblaster und ein altes Fahrrad. Zudem hatte er definitiv schon Sex mit Gespielinnen aus seiner Sonderschulklasse, gelegentlich kiffte er und er wusste auch von LSD zu berichten. Ansonsten war er eher harmlos, spielte auch mal Fußball mit uns Jungs, die zwei, drei Jahre jünger waren als er.
Eines Nachmittags war ich beim Fußballspielen auf dem so genannten Massmannsberg’l, als ich aus dem Augenwinkel eine lederbejackte, sonnenbebrillte Gestalt wahrnahm, die ich für den Sepp hielt. Ich ging hin und erlebte eine Überraschung. Es war der Horsti, er hatte mit mir von der ersten bis zur vierten Klasse die Schulbank gedrückt. Auch er ein früher Vorläufer von Axl Rose, aber in einer anderen Liga spielend als der Sepp. Man konnte seine Muskeln durch die Lederjacke schon spüren und mit einem eisigen Grinsen nahm er mich in Empfang, um mir sogleich seinen Schatz zu zeigen. Er war 16, hatte nicht mal einen Mopedführerschein, aber eine gestohlene 1000er Kawa draußen stehen. Er wollte mich ins “Clubheim” mitnehmen, aber ich lehnte dankend ab. Als er mir den Rücken zukehrte, sah ich das Logo einer internationalen Rockergang auf seiner Jacke prangen. Ich war zwar auch irgendwie ein frecher Hund, aber dabei wurde mir dann doch merkwürdig mulmig.
Ein paar Monate später hörte ich das Gerücht, dass sich der Horsti mit seiner Kawa in die ewigen Jagdgründe verabschiedet hätte. Der Sepp ist vor zwei, drei Jahren einsam in seiner Wohnung verstorben. Scheinbar hat man ihn längere Zeit nicht vermisst…
EEE PC
Das ist es was Ihr hier auch bekommen werdet:
- Erlebtes
- Erfundenes
- Erzähltes
aus dem
- Palaver Café
Hallo ersma!
Das ist also das neue Blog vom Mayer. Wird derzeit noch schön geschraubt im Hintergrund. Plugins und all das Kleinzeug, das so aufhält. Aber Ihr könnt Euch ja schon mal am neuen Design delektieren. Wie ich wieder geschwollen daherschreibe….; meine Fresse
Winke, winke und…
… das war’s!
Es dürfte Euch längst aufgefallen sein: Hier gibt es seit längerer Zeit keine richtigen Geschichten mehr, nix Persönliches, dafür aber eine Menge blödsinnigen Polit-Sermon. Der Grund ist sehr einfach: Hier lesen immer noch Menschen mit, die in meinen Tagen schon lange absolut gar nichts mehr verloren haben. Denen gebe ich sozusagen nicht einmal mehr den virtuellen, kleinen Finger
Im Hintergrund arbeite ich an einem neuen Projekt und die, die ich als Besucher hier schätze, werden es auf die ein oder andere Weise erfahren, wenn es dort losgeht…
Bis dann!
Michael
Eine Idee zu Opel
Die Mitabeiter und das Händlernetz des Autobauers wollen ja möglicherweise 25 %, also eine Sperrminorität nach dem Aktienrecht, erwerben, um sich damit an der Rettung des Konzerns zu beteiligen. Vielleicht sollten die anderen 75 % einfach die Bürger kaufen?
Vielleicht sollten die Aktien nicht Aktien heissen, sondern eher Anteilsscheine und den Substanzwert des Unternehmens repräsentieren, nicht aber seinen momentanen “Spekulationswert”.
Vielleicht sollte man sagen, dass kein Bürger mehr als maximal 0,05 % dieses Substanzwertes besitzen darf?
Vielleicht sollte man festlegen, dass des Staat darüber als Treuhänder Aufsicht führt, nicht jedoch selber jemals Anteilseigner werden kann?
Vielleicht könnte man dieses Experiment auch mit den angegliederten Gesellschaften, wie der Opel-Bank durchführen?
Vielleicht könnte man sich mal trauen, Bürgergesellschaft auch in so einem Sinne zu leben?
Vielleicht muss man so ein gigantisches Wagnis sogar eingehen, um die Pleite zu vermeiden?
Vielleicht hätte man (wir alle) sogar Erfolg damit.
Dann sähe man möglicherweise, dass es Alternativen gibt. Nicht immer und nicht für alles, aber immerhin…
Systemrelevanz
Ich bin auch systemrelevant. Wahlberechtigter Bürger und Steuerzahler reicht schon für Systemrelevanz. Und weil ich auch ein kleines bisschen relevant bin will ich niemals nicht , dass meine Steuern zu irgendeinem Zeitpunkt dafür verwendet werden, um irgendeine Bank oder ein anderes Unternehmen zu verstaatlichen.
Warum? Weil es ein fatales Signal wäre. Ein Signal, dass man z.B. im Falle der Hypo Real Estate jahrelang ungestraft Scheisse bauen kann und dann noch dafür belohnt wird. Ja, ist wieder mayermäßig flappsig ausgedrückt, aber diesmal kann ich dummerweise auch noch mitreden. 12 Jahre lang war der Mayer selber Geld- und Rentenhändler bei einer großen Versicherungsgesellschaft und danach noch 4 Jahre Kapitalanlagen-Controller. Ich weis wie das Geschäft läuft und warum es langfristig nicht funktionieren kann. Schon 1999 bin ich deswegen von den Kapitalanlagen ins Ressort der Feuerversicherung gewechselt. Es war die Zeit, in der Futures und Optionen, Leerverkäufe und diese gesamten, sogenannten derivativen Finanzinstrumente anfingen sich auf den Märkten auszubreiten. Ich dachte schon immer, dass Wetten am besten auf der Pferderennbahn aufgehoben sind. Wahlweise Casino oder staatliche Lottoannahmestelle. Die Gier hat gewonnen, die statistisch möglichen Erfolge sind eingetreten und haben die Allmachtsphantasien der Banker immer weiter wachsen lassen. Die Wahrheit ist, dass es reine Spekulationen sind, die in einer ordentlichen Volkswirtschaft nach meiner Überzeugung nichts verloren haben. Würdet Ihr einem Mitarbeiter der Lottostelle glauben, der Euch verspricht ein Vierer oder Fünfer wäre an diesem Wochenende ganz bestimmt drin? Nichts Anderes haben tausende dieser Nadelstreifen Taugenichtse von Anlagenberatern landauf und landab, tagein und tagaus dahergequatscht.
Die Quittung ist jetzt da und sie lässt sich nicht wegbeten. Hofft man nun die Hypo Real Estate mit Verstaatlichung zu retten, dann ist das so als würde man hoffen Verkehrsunfälle damit gänzlich zu vermeiden, indem man einem einzelnen Trunkenbold den Führerschein wegnimmt. Helfen würde hingegen ein Verbot des kompletten Marktsegments. Kein Mensch braucht Leerverkäufe, Futures und Optionen. Davon hängt kein Glück in der Welt ab, sind es doch nur erhoffte oder vermutete Werte aber niemals die Wirklichkeit. Warum müssen die Kurse börsennotierter Gesellschaften und Wertpapiere eigentlich im Sekundentakt festgestellt werden? Nur weil Computer das können? Würde nicht einmal täglich auch genügen? Entschleunigung tut Not, gerade an der Börse. Rennbahnen, Lotto und Casinos dürfen bleiben.
Die Misere ist weit größer!
Ein junger, bislang unauffälliger Mann erschießt 15 Menschen und tötet sich dann selbst.
Das ist der staunend, ungläubige Tenor der meisten Meldungen zu diesem grauenvollen Amoklauf. Es wird bekannt, dass der Täter in letzter Zeit gerne Ballergames spielte und im heimischen Keller Gotcha spielte. Das sind aber keine Erklärungen sondern Teil des Problems.
Offensichtlich hat dieser junge Mensch nach erfolgreich bestandener Realschule und dem Beginn einer beruflichen Ausbildung Probleme gehabt, die niemand bemerkt hat. Probleme, die möglicherweise nicht einmal in einem speziellen, persönlichen Erleben begründet waren, sondern in der Lebenssituation, die die bundesdeutsche Wirklichkeit heute jungen Menschen bietet. Einer Wirklichkeit ohne echte Werte.
Fleißig soll man sein, immer mehr in immer kürzerer Zeit lernen, um schnell beruflich erfolgreich sein zu können. Die Absicht, die dahinter steht ist keineswegs damit zu begründen, dass der Mensch schnell seinem persönlichen Glück näher kommen soll, sondern konsumieren soll er. Früh, schnell und viel. Einordnen soll er sich in die Konsumgesellschaft, bedingungslos und dafür erhält er ein fragwürdig stabiles Gerüst aus Sozialversicherung und materieller Zuwendung.
Früh lernt man heute Netzwerke zu knüpfen, um berufliche Perspektiven aufzubauen, wie wichtig Vitamin B ist und dass man sich keine Flausen leisten kann. Wie es ist, sich mit einem zufriedenen Gefühl morgens selbst im Spiegel zu begegnen und wie es sein kann als junger Mensch auch einmal etwas ungestraft ausprobieren zu dürfen, das ist längst auf der Strecke geblieben. War es früher fast schon die Regel, dass man sich mal ein paar Monate mit dem Rucksack irgendwo auf der Welt rumgetrieben hat, oder ein Studiensemester ungestraft total vergammeln durfte, so lernt man heute nur noch wie man richtig funktioniert.
Natürlich hat es auch damals schon Menschen gegeben, die den Weg zurück in ein geregeltes Leben nicht wieder gefunden haben, aber die ganz überwiegende Mehrheit hat letztlich in diesen “faulen” Tagen einen persönlich besseren, kreativeren Ansatz für die weitere Gestaltung des eignen Lebensweges gefunden. Dass es gut ist, schon im Kindergarten Englisch zu lernen, das Abi in 12 Schuljahren zu absolvieren und Bachelor- und Masterstudiengänge den Durchbruch zu mehr Lebensqualität bringen ist eine feiste Lüge. Es hilft den Unternehmen mehr und schneller zu verdienen, den Umsatzschwund bei sinkenden Bevölkerungszahlen hinauszuzögern und man hofft mit dem Druck eine langfristig besser manipulierbare Menschenmasse heranzuzüchten.
Das Erleben eines 17 jährigen ist in der Regel in Hinsicht auf diese Problemstellungen zu diffus, um sich selber Klarheit darüber zu verschaffen und dieses womöglich sogar noch artikulieren zu können. Was bleibt ist ein Gefühl von “Unwohlsein”, mangelnder Anerkennung und Zuwendung, fehlender Freu(n)de, weil ja alle über die Maßen beschäftigt sind und eine völlig unzureichende und real erlebbare Aufklärung über das “Menschsein” an sich.
Die meisten jungen Menschen entscheiden sich heute für das Durchhalten, die Hoffnung auf Besserung, wenn das alles erst mal geschafft ist und in den wenigen Momenten, die bleiben, um jung und frei zu sein, werden dann Dinge wie “Flatrate-Saufen” populär. Ja ganz genau, ich stelle das auf die selbe Stufe mutwillig hervorgerufener geistig – seelischer Verarmung der jungen Generation, um sie nur ja zur Leistung im Sinne von Konsumfähigkeit zu treiben. Warum war Spice gleich so erfolgreich? Ich mach’ mich weg, wenn ich mal nichts leisten muss und es ist legal, damit kann es mir in meinem (späteren) Berufsleben nicht schaden.
Natürlich kann ich nicht behaupten, dass der Täter von Winnenden deshalb so gehandelt hat. Vielleicht finden sich noch persönliche, ganz individuelle Motive, aber die Grundaussage halte ich aufrecht. Diese Gesellschaft züchtet ihre Katastrophen selbst. Es genügt nicht nur zu leisten und dafür mit Konsummöglichkeiten belohnt zu werden! Es genügt nicht virtuelle Freunde in Web Communities zu haben, so sehr ich selbst dieses Medium schätze. Es genügt nicht in einem auch noch so gut “gemanagtem” Elternhaus aufzuwachsen. Den Eltern muss die Zeit für Liebe und Zuwendung bleiben; ein schönes Taschengeld und ein klar geregelter Tagesablauf sind – sofern überhaupt vorhanden – vergleichsweise nur Armseeligkeiten. Zeit für echte Freunde, Zeit fürs Nichtstun, für Hobbies, für das Entdecken und Entwickeln der eigenen Persönlichkeit und der damit verbundenen wünschenswert erscheinenden Lebensplanung sind für junge Menschen unerlässlich.
Wer nicht genügend Kraft, Nerven und innere Stabilität mitbringt, um dem Druck standzuhalten, der hat dann eben was zum kiffen, säuft sich am Wochenende besinnungslos oder wird ganz einfach irgendwann krank. Und eine ganz kleine Minderheit, die auch darin kein Heil finden kann, die entschliesst sich dann vielleicht etwas völlig Abartiges zu tun. Eine von diesen Abartigkeiten heisst Amoklauf.
Nachtrag am 13.03.09: Ich habe noch einen interessanten Artikel von Johnny Häusler auf “Spreeblick” dazu gefunden. Er setzt sich insbesondere mit Wahrnehmung und Urteil der klassischen Medien am Beispiel “Hart aber fair” auseinander.



