Archiv für Mai 2008
Warten auf Donnerstag
Dann kommen endlich die Möbelpacker und es geht los. Nicht nur, dass die alte Wohnung mit halbleeren Schränken und Regalen, garniert mit Kartons und Rollen von Luftpolsterfolie, extrem ungemütlich wirkt, nee es wird immer deutlicher: Hier hält mich nichts mehr! Ich bin voller Vorfreude auf meine neue Heimat und auch die schöne, große und lichtdurchflutete Wohnung. Dagegen ist die alte Bleibe ein finsteres Loch. Natürlich kann es sein, dass mein Gastspiel im Norden nur zwei Jahre dauert und mich der Freistaat – im Falle meiner Genesung – anschliessend in Kronach oder einem ähnlich liebreizenden Ort einsetzt. Aber, warum soll ich mir darüber jetzt Gedanken machen? Die Zeitspanne, die mir der Gutachter bis zur nächsten amtsärztlichen Überprüfung genannt hat liegt zwischen zwei und fünf Jahren. Da kann und will ich nicht drandenken was mal sein wird. Vielleicht bin ich bis dahin ja völlig gaga? Oder Pferdezüchter in Cloppenburg? Oder bayerisches Inselfaktotum auf Langeoog? Nix wie Fragen…
Grimmassenkönig
Es ist noch hell in Oldenburg, wenn es in München schon stockdunkel wäre. Viel ist nicht mehr los am Lappan, ich warte auf den 312er. Ein Typ fällt sofort auf, obwohl er ordentlich, sportlich-leger gekleidet ist, aber seine wilden Grimmassen entgehen keinem der Wartenden. Er scheint einen generellen Hass auf Omnibusse oder deren Fahrer zu hegen. Immer wenn einer an der Haltestelle Fahrgäste ausspuckt und einsammelt werden seine Fratzen besonders bedrohlich. Als längere Zeit kein weiterer Autobus eintrifft wird er offensichtlich auf mich neugierig. Ich merke wie er sich von links hinten anschleicht. Extrem ungeschickt stellt er sich dabei an, aber ich tu’ mal so als ob ich nichts davon bemerken würde. Immer wieder rückt er ein Stück näher und schiebt dabei seinen Rucksack vor sich her. Als er schon recht nahe ist drehe ich mich zackig zu ihm um und stiere ihn an. Er knickt regelrecht zusammen, der Ärmste. Eine zerbrechlich wirkende junge Frau, die irgendwo wohl für Balkonien zwei Plastikstühle erstanden hat, stellt sich jetzt demonstrativ ganz in meine Nähe. Zwei Omas im Wartehäuschen tuscheln. Innerlich schmunzle ich, weil ich jetzt schon weis, dass ich darüber in Bälde bloggen werde.
Der Grimmassenschneider ignoriert von jetzt an mich und die Omnibusse. Dafür fängt er nun an verschiedene Trinkgefässe aus dem Rucksack auszupacken. Eine Limo, ein Bier, zwei Plastikflaschen ohne Aufschrift. Die darin befindlichen Flüssigkeiten werden wild durcheinander gemischt, ohne Unterlass. Er trinkt aber nicht davon. Wahrscheinlich mischt er irgendein gar schreckliches Gift zusammen. Oder so. In seinem Gesicht zuckt es, gelegentlich knurrt und brummt er leise vor sich hin. Endlich kommt der 312er.
Pinselschwinger
Die Hände erscheinen mir größer jetzt. Dicke Finger wabern über diesen lächerlich kleinen Laptoptasten. Die Handballen ruhen mächtig schwer auf der Schreibtischplatte. Ganz am Rand des rechten Daumennagels leuchtet noch ein winziger Rest Alpina schneeweiss – matt – Deckkraftklasse 1. Die Schultern sind wie mit Blei ausgegossen, der Kopf noch ein wenig müde aber insgesamt ist der Zustand derzeit nicht schlecht. Der Protagonist ist ein wenig stolz darauf in den zurückliegenden 5 Tagen Küche und drei Zimmer der neuen Zentrale höchstselbst mit o.g. Anstrich versehen zu haben. Dabei waren die Voraussetzungen für einen eingefleischten Nichthandwerker wie mich extrem hart:
Urzustand:
- Küche: weiss, mit einer ca. 3×2 m großen Fläche in einem “Vanilleton”
- Arbeits- / Besucherzimmer: weiss mit einem dunkelblauen Dreieck auf einer Wand
- Schlafzimmer: mit Ausnahme der Zimmerdecke komplett mit einem höchst mittelmäßigen Mittelgrün in Wischtechnik versehen
- Wohnzimmer: weiss mit 2 integrierten Flächen eines blassen OP-Saal Grüns
Über Bad, Toilette und den Flur wird ggf. später zu berichten sein.
Weitere Zutaten für die vergangenen Tage:
- Pinsel, Rollen, Folien, Krepp
- Ein Gästebett mit Elektropumpe
- Eine leck geschlagene Espressomaschine
- Ein altes Kofferradio
Am Anreisetag schleppte ich also diese Gegenstände und noch einiges Zeug mehr in die neue Bleibe, tätigte noch einen Einkauf im Supermarkt und begab mich anschliessend für den Rest des Tages ein wenig in die Stadt. Das Wetter war schon ganz passabel und direkt vor der Lambertikirche rockte man gegen Nazis. Das war ganz nach meinem Geschmack und so schlief ich zufrieden meinem ersten Tag als Pinselschwinger entgegen. Prächtig unterstützt dabei wurde ich von dem elektromotorisierten Bettchen. Das Ding ist immerhin ca 1,90 x 1,40 und eine Auflage wird auch gleich mitgeliefert.
Am folgenden Morgen machte ich zwei wichtige Entdeckungen. Erstens verteilte die Espressomaschine das eingefüllte Wasser sehr gerecht zwischen Tasse und Arbeitsplatte und zweitens gibt es hier einen Sender namens Radio 21. Die Mischung aus diesen Essenzen ermöglichte es mir während der folgenden Tage das blaue Dreieck unzählige Male zu überpinseln, drei Mal das komplette Schlafzimmer zu streichen, bis es endlich weiß war und auch mit all den anderen Unwägbarkeiten des ungewohnten Malerlebens fertig zu werden. Dazu bekomme ich ja seit einiger Zeit ein neues Medikament, das mich zwar kaum weniger schlafen lässt als das Mittel zuvor, aber ich fühl’ mich jetzt nicht mehr so beschissen damit…


